Workshop: Was ist los in der Gegenwart?

13. Februar 2026

Perspektiven für eine emanzipative Politik und Schlussfolgerungen für das neue Grundsatzprogramm der SPD

In den Prozess für ein neues Grundsatzprogramm der SPD wollen auch wir als DL unsere Positionen einbringen. Ausgangspunkt muss dabei eine genaue Betrachtung unserer Gegenwart sein. Wo stehen wir? Wohin entwickelt sich die Gesellschaft? Wie kann eine fortschrittliche und emanzipative Perspektive auf die Gegenwart aussehen? Der Philosoph Stephan Siemens hat dafür Thesen entwickelt, die vorgestellt und diskutiert werden sollen. Den Ausgangspunkt bildet die gegenwärtige Weiterentwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit. Aus dieser Sichtweise werden die wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen eingeordnet: Entwicklungen wie Prekarisierung, Digitalisierung oder ökologische Probleme können so besser verstanden werden. Dafür reicht es nicht, „Trends“ festzustellen, an die die Menschen sich anzupassen haben. Im Gegenteil wird die Gegenwart als von Menschen gemacht begriffen. Der Workshop möchte einen Beitrag dazu leisten, eine emanzipative Politik zu ermöglichen, die die gesellschaftlichen Probleme löst, ohne auf soziale Sicherheit und individuelle Freiheit zu verzichten.

Unser Referent:            

Stephan Siemens ist Philosoph und beschäftigt sich seit Anfang der 90er Jahre mit den Auswirkungen der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit in den Unternehmen. Er hat an der Erarbeitung der Theorie der indirekten Steuerung mitgewirkt und sie weiterentwickelt. 2025 ist dazu auch eine Arbeitshilfe für IG Metall-Mitglieder erschienen, die von ihm verfasst wurde.

Anmeldung:

Aufgrund der begrenzten Teilnehmer:innenzahl bitten wir vorab um eine Anmeldung über unser Anmeldeformular bis zum 19. Februar 2026.

Die DL21 unterstützt das Mitgliederbegehren zum Bürgergeld!

15. Dezember 2025

Jetzt (erneut) abstimmen auf: mitgliederbegehren.spd.de!

Am 28. Oktober wurde ein in SPD-Mitgliederbegehren gestartet, das sich gegen Verschärfungen der Sanktionen beim Bürgergeld und rechtspopulistische Forderungen richtet, sich dafür aber für die Weiterentwicklung des Bürgergeldes und den Abbau sozialer Ungleichheiten ausspricht. 167 Erstunterzeichnende hatten das Mitgliederbegehren unterzeichnet, darunter zahlreiche Mitglieder unseres Vorstandes.


Nachdem in einem ersten Schritt bereits über 4.000 Mitglieder der SPD auf der Webseite mitgliederbegehren.org unterschrieben hatten, wurde das Mitgliederbegehren Ende November offiziell beim Parteivorstand eingereicht und vom Parteivorstand für zulässig erklärt. Ein erster Erfolg. Es berichtete u. a. der Spiegel. Nachdem auf der offiziellen Parteiplattform am 19. Dezember noch einmal ähnlich viele Stimmen zusammenkamen, wird das Mitgliederbegehren seit dem 23. Dezember offiziell durchgeführt. Es berichtete u. a. die Tagesschau.


Nun müssen bis zum 23. März 2026 20 % der SPD-Mitglieder auf der Plattform mitgliederbegehren.spd.de unterschreiben, damit das Mitgliederbegehren zustande kommt. Zur Frage, wie das geht, haben wir als DL21 eine Anleitung verfasst!

Falls du Probleme mit der Registrierung und Anmeldung hast, melde dich gerne in unserer Geschäftsstelle und wir versuchen dich zu unterstützen.

Bei technischen Problemen kannst du dich außerdem telefonisch unter  (030) 25991-500 (Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr; Freitags von 9 bis 13 Uhr) oder über dieses Formular an die SPD-Geschäftsstelle wenden.


Als DL21 unterstützten wir das Mitgliederbegehren von Anfang an, denn wir finden, dass die aktuelle öffentliche Debatte des Nach-unten-Tretens, der Entsolidarisierung und des Ausspielens von Beschäftigten und Arbeitssuchenden nur den kapitaldienlichen Interessen, nicht aber den Menschen hilft! Wir halten es nach wie vor für die geschichtliche Aufgabe der Sozialdemokratie, inhaltlich und praktisch gegen die Interessen des Kapitals im Sinne der arbeitenden Menschen Position zu beziehen. 

Dafür muss die Sozialdemokratie auch die gemeinsamen Interessen von Beschäftigten und Menschen ohne Erwerbsarbeit organisieren und durchsetzen.  Vor allem aber darf die SPD keine Politik mittragen, die Armut bestraft.

Weitere Argumente für das Mitgliederbegehren hat unsere stellvertretende Vorsitzende Melissa Butt im Interview mit dem Focus zusammengestellt:

Warum finden Sie es so wichtig, dass die SPD über das Thema Bürgergeld diskutiert?

„Es geht hier um grundsätzliche sozialdemokratische Fragen: Wie sieht das Leben der Menschen um mich herum aus? Was sollten wir als Gesellschaft leisten? Vom Bürgergeld profitieren am Ende nämlich alle Arbeitnehmer. Denn es wenn es kein ausreichendes Sicherheitsnetz gibt, dann neigen Arbeitende eher dazu, schlechte Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Niedrige Löhne sorgen auch dafür, dass der Bundeshaushalt nicht wächst und Sozialversicherungen schwierig zu finanzieren sind.“

Die Reform steht aber im Koalitionsvertrag. Sollte die SPD darüber den Regierungszusammenhalt riskieren?

„Das stimmt. Diese Koalition hat eine große Zustimmung von den SPD-Mitgliedern erhalten. Das ist Fakt. Aber die eine Seite zum Bürgergeld im Koalitionsvertrag lässt einen Handlungsspielraum zu. Und ich erwarte von einer SPD-Ministerin, dass sie den nutzt. Schon kleine Anpassungen können die Lebensrealität von Millionen Menschen verbessern. Die SPD muss Politik machen, für die sich SPD-Mitglieder nicht schämen müssen.“

Gehen wir mal rein ins Gesetz, was im Detail stört Sie so sehr daran?

„Da sind die Verschärfungen bei der Karenzzeit und dem Schonvermögen. Wenn unter 30-Jährige mehr als 5000 Euro besitzen, dann müssen sie zunächst ihr privates Geld aufbrauchen. Das ist eine Summe, wo man leicht mal drüber fällt, etwa durch Spar-Fonds der Familie. Da geht es um private Vorsorge. Bei der Rente finden wir das gut, beim Bürgergeld soll es nun aber bestraft werden? Weiter geht’s mit den Regelungen für Alleinerziehende und Menschen mit Kindern.“

Aber ist es nicht richtig, dass Menschen Nachweise erbringen müssen, wenn sie dafür im Gegenzug eine Leistung vom Staat erhalten wollen?

„Diese Vorgaben zeigen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Menschen, die gerade in Not sind. Im Übrigen betreffen sie alle Themen, wo die Politik gerade versagt. Ein Bespiel: Bürgergeldempfänger müssen künftig ihren Vermieter anmahnen, dass er sich an die Mietpreisbremse halten soll. Das wäre gar nicht nötig, wenn es eine Mitpreisbremse gäbe, die tatsächlich aktiv umgesetzt wird. Alleinerziehende könnten auch besser arbeiten, wenn es ausreichende Betreuungsangebote gäbe. Ich sehe da eine Bringschuld der Politik, und nicht von Betroffenen, die eh schon in einer schwierigen Lebenslage sind.“

Manche in der SPD behaupten, dass die Partei wegen dem Bürgergeld die vergangene Wahl verloren hat. Wie schauen Sie darauf?

„Das Bürgergeld ist die größte Errungenschaft der letzten Koalition. Die SPD hat einfach versäumt, die positiven Effekte des Bürgergeldes zu kommunizieren. Ich bekommen inzwischen fast täglich Nachrichten von SPD-Mitgliedern, die sich bedanken, dass wir das Mitgliederbegehren gestartet haben. Es ist der Grund, weshalb sie es gerade noch mit ihrem Gewissen vereinbaren können, SPD-Mitglied zu sein. Wenn diese Partei im Regierungshandel ihre eigenen Werte nicht hochhält, dann wird es schwierig werden beim nächsten Wahlkampf Mitglieder dazu zu bewegen auf die Straße zu gehen.“


Mehr Informationen zum Mitgliederbegehren findest du unter: mitgliederbegehren.org und auf Instagram.

Bericht Herbsttagung und Mitgliederversammlung 2025

11. Dezember 2025

Vom 14. Bis 15. November hat unsere diesjährige Herbsttagung im IG-Metall Haus in Berlin stattgefunden. Die Veranstaltung stand in diesem Jahr ganz im Sinne des Grundsatzprogrammprozesses und konnte von uns genutzt werden, um gemeinsam mit allen Teilnehmern*innen über unsere Vorstellungen und Inhalte zu sprechen, die wir für den Grundsatzprogrammprozess der SPD haben und die uns einzubringenwichtig sind. 

Begonnen haben am Freitagabend mit einer mit Inputs und Diskussion zwischen Dr. Stefan Müller vom Archiv der Sozialen Demokratie und Jan Dieren als Vorsitzendem der DL21. Dr. Stefan Müller bot uns zunächst einen aufschlussreichen Einblick in die Geschichte der Sozialdemokratie anhand vergangener Grundsatzprogramme und Grundsatzprozesse. Er ging dabei auf die Entstehungskontexte bisheriger Grundsatzprogramme, vor allem aber auch auf ihre Funktion für die Entwicklung der SPD ein. Jan Dieren konzentrierte sich in seinem Input vor allem auf die Bedeutung und Funktion des demokratischen Sozialismus, der in nahezu allen bisherigen Grundsatzprogrammen der SPD eine Rolle spielte.

Am folgenden Tag begannen wir mit Inputs zu aktuellen Themen und Problemlagen, die uns auch im aktuell laufenden Grundsatzprogrammprozess beschäftigen werden. Es referierten: 

Dr. Dierk Hirschel und Anja König über den Sozialstaat als Produktivkraft;
Jan Dieren über die aktuelle Relevanz des Begriffs des demokratischen Sozialismus; 
Alf Epstein über Friedenspolitik und Diplomatie
Dr. Patrick Kaczmarczyk über Finanz- und Industriepolitik im Angesicht des Auslaufens des deutschen Exportmodells;
Knut Lambertin über eine generelle Kritik zur Ausrichtung der SPD entlang der eigenen programmatischen Wurzeln; 
Melissa Butt über Fragen der innerparteilichen Demokratie in der SPD;
Annabel Schumacher über die Verbindung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit; 
Erik von Malottki über Bau- und Wohnungspolitik.

Die Inputs zu den Themen wurden schnell in eine Workshopphase überführt, in der alle Teilnehmer*innen der Tagung gemeinsam zu den verschiedenen Themen in den Austausch traten, diskutieren und zu den jeweiligen Themen Diskussionsergebnisse erarbeiteten, die in den weiteren Verlauf unserer Begleitung des Grundsatzprogrammprozesses einfließen sollen.

Auf unserer nachfolgenden Mitgliederversammlung wurde ein neuer Vorstand gewählt.

Als Vorsitzende wurden gewählt: Alma Kleen, Jan Dieren, Erik von Malottki.
Als stellvertretende Vorsitzende wurden gewählt: Melissa Butt, Anja König, Knut Lambertin, Ülker Radziwill.
Als Schatzmeister wurde gewählt: Helmut Meyer.
Als Beisitzende wurden gewählt: Lena Marie Angermann, Daniele Cipriano, Franziska Drohsel, Axel Echeverria, Alf-Tomas Epstein, Stephanie Helder-Notzon, Dr. Dierk Hirschel, Annika Klose, Reka Molnar, Antonio Nezi, Sebastian Roloff, Lorans El Sabee, Hauke Schmiegel, Bernhard Schneider, Ingo Siebert, Nadja Sthamer, Dr. Carolin Wagner, Burkhard Zimmermann.

Außerdem wurde sich mit drei Anträgen über einen humangerechten Sozialstaat; zum Verbotsverfahren der AfD und gegen die Einführung der Wehrpflicht befasst. Die ersten beiden Anträge wurden an den Vorstand überwiesen. 

Aus dem Antrag gegen die Einführung der Wehrpflicht wurde auf der Mitgliederversammlung folgender Aufruf beschlossen: 

Wir rufen die MdBs der SPD-Fraktion auf, gegen das Wehrpflichtmodernisierungsgesetz zu stimmen und sich ebenfalls öffentlich wirksam zu betätigen. Wir rufen die DL 21 Regionalgruppen auf, in ihren Sitzungen über die Ablehnung der Wehrpflicht zu diskutieren und sich eigenständig an lokalen Bündnissen, insbesondere mit Jugendvereinen und der DFG-VK zu beteiligen.

Beschluss der DL21- Mitgliederversammlung vom 15. November 2025

Wir danken allen Teilnehmer*innen der Tagung für die guten Diskussionen und wünschen unserem neugewählten Vorstand viel Erfolg und Kraft, sich gemeinsam mit uns den Herausforderungen zu stellen! 

Veranstaltungsankündigungen unserer Regionalgruppen Bayern und Niedersachsen/Bremen zum Grundsatzprogrammprozess der SPD:

5. Dezember 2025

Im Rahmen unserer Begleitung des Grundsatzprogrammprozesses der SPD teilen und veröffentlichen wir hier zwei Ankündigungen anstehender Veranstaltungen unserer Regionalgruppen Bayern und Niedersachsen/Bremen. Herzlich eingeladen wird digital und in Bremen auch hybrid vor Ort.


digitale Veranstaltung der Regionalgruppe Bayern: Wachstum ohne Weltzerstörung Zeit: 06.12.202518:00 Uhr
Teilnahme online über Zoom: https://us06web.zoom.us/j/85753349608?pwd=CKDuk59JaoD1OEGgBBhvfDcoPWC2bK.1  

Die Welt ist im Umbruch. Die Krisen wechseln einander immer rascher ab und machen eine klare Zukunftsprognose nicht leicht. Gleichzeitig ist eine grundlegende Veränderung der Art und Weise notwendig, wie wir Wirtschaft organisieren, produzieren und konsumieren. Es geht darum, die oftmals widersprüchlichen Anforderungen von Wirtschaftsentwicklung, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz in Einklang zu bringen. Denn was ändert es, wenn wir den Verbrenner gegen ein E-Auto tauschen und trotzdem mit Tempo 200 auf eine Wand zurasen?

Eine Veranstaltung mit Raoul Koether, Vorstandsmitglied der Münchner SPD und Co-Sprecher im Arbeitskreis Wirtschaft, Industrie und Handwerk und als Moderation mit Anja König, Co-Landesvorsitzende der DL21 Bayern.


hybride Veranstaltung der Regionalgruppe Niedersachsen/Bremen: SPD zwischen Programm und Regierungspolitik – „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als tausend Programme“

Zeit: 09.12.2025, 18:30 bis ca. 20:30 Uhr
Anmeldung  bis zum 08.12.2025 an niedersachsen-bremen@dl21.de
Alle digitalen Teilnehmer*innen bekommen kurz vor der Veranstaltung einen Zoom-Link übersandt.

Adresse für die Teilnahme vor Ort: Bürgerhaus Weserterrassen, Clubraum, Osterdeich 70b, 28205 Bremen
Wie du weißt, startet die SPD mit der Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms, welches auf dem Bundesparteitag 2027 beschlossen werden soll. Wir glauben, dass dieser Prozess eine Möglichkeit für uns als Forum DL21 darstellt, unsere linken Perspektiven in den Erstellungsprozess einzubringen und auch die Möglichkeit bietet, diese breit in der Partei zu diskutieren. Nach den jetzt vom SPD-Parteivorstand verkündeten Informationen ist im Prozess zur Erarbeitung des Grundsatzprogramms vorgesehen, dass gerade die Stimmen aus Ortsvereinen und Unterbezirken eine besondere Rolle bekommen sowie vor Ort die direkte Ansprache der Menschen in Bürgergesprächen an der Haustür, auf dem Marktplatz etc. genutzt werden soll. Als Forum DL21 sind wir mit einem breiteren Diskussionsauftakt auf unserer Herbsttagung in Berlin gestartet. Jetzt wollen wir diesen in Veranstaltungen unserer bundesweiten Regionalgruppen fortsetzen und den Prozess auch für uns selbst zur Basisarbeit, Mitgliedergewinnung und Festigung unserer Strukturen nutzen.

Als Referent konnten wir den langjährigen ehemaligen SPD-Europaabgeordneten Prof. Dr. Dietmar Köster gewinnen.

Mit solidarischen Grüßen Michael Buckup (Bleckede), Helmut Meyer (Oldenburg), Carsten Sieling (Bremen), Hauke Schmiegel (Bremerhaven)

Wir sagen Nein. Stellungnahme des Forum DL21 zum Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD

18. April 2025

Seit der vergangenen Woche liegt der Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union vor. Er enthält einige richtige Ansätze – etwa bei der Stabilisierung des Rentenniveaus, der Ausweitung der Tarifbindung oder einem Bekenntnis zu einem Mindestlohn von 15 Euro bis 2026. Angesichts des schlechten Wahlergebnisses der SPD muss festgehalten werden, dass die sozialdemokratischen Verhandler:innen viele Punkte der SPD haben durchsetzen können. Doch der Maßstab, unter dem die Koalition bewertet werden muss, ist nicht der, wie weit sich die SPD in den Verhandlungen hat durchsetzen können. Maßstab einer Regierungskoalition muss sein, inwieweit sie in der Lage ist, die gesellschaftliche Entwicklung politisch zu gestalten. Vor diesem Maßstab stellen wir fest, dass die zu erwartende politische Wirkung dieses Koalitionsvertrages den Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht wird.

Die Union war mit einem Programm des Klassenkampfs von oben in den Wahlkampf gezogen. Mindestanforderung an eine Koalition müsste deshalb sein, dass die SPD soziale Rückschritte verhindert. Doch finden sich auch solche im Koalitionsvertrag. Beispielsweise ist die Abschaffung des Bürgergeldes ein Rückschritt in sozialer Hinsicht. Wenn wieder stärker auf Kontrolle, Sanktion und Arbeitszwang gesetzt wird, erhöht dies bewusst den Druck auf Erwerbslose – aber auch auf alle anderen Beschäftigten: Wenn Menschen damit rechnen müssen, ihren Job zu verlieren und in ein repressives System zu fallen, werden sie sich nicht ohne weiteres trauen, höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen einzufordern. Das nutzt Arbeitgebern – nicht der Gesellschaft. Gleiches gilt für die geplante Abschaffung des Achtstundentages. Auch wenn diese Maßnahme unter dem Schlagwort der Flexibilität angepriesen wird, erhöht sie den Druck auf Beschäftigte, deren Arbeitszeiten dadurch länger werden.

Trotz wachsender Ungleichheit und eines massiven Investitionsbedarfs hat sich die Union der Besteuerung hoher Einkommen, großer Vermögen oder Krisengewinne verweigert. Angesichts ungeklärter Finanzierungsfragen ist deshalb zu erwarten, dass auch unter der kommenden Regierung eine Umverteilung von unten nach oben stattfindet. Diese Entscheidung ist nicht alternativlos – sie ist politisch gewollt. Und sie widerspricht klar dem Gerechtigkeitsanspruch der Sozialdemokratie.

Die geplante Migrationspolitik setzt vor allem auf Abschottung und Abschreckung statt auf Integration und soziale Teilhabe. Die fast vollständige Abschaffung legaler Fluchtmöglichkeiten – etwa durch die Aussetzung des Familiennachzugs oder die Beendigung der freiwilligen Aufnahmeprogramme – stellt einen Bruch mit humanitären Grundsätzen dar. Menschen, die vor Krieg, Armut oder Perspektivlosigkeit fliehen, brauchen Schutz und Chancen – keine Ausgrenzung.

Auch in gesellschaftlichen Fragen bleibt der Koalitionsvertrag hinter den Erwartungen zurück. Dass sich der Koalitionsvertrag nicht klar zum überfälligen Ziel bekennt, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, ist ein schweres Versäumnis.

Die massive Betonung von Aufrüstung, „Kriegstüchtigkeit“ und Verteidigungsindustrie offenbart eine Militarisierungslogik, die wir als Linke in der Sozialdemokratie nicht mittragen können. Wir stehen für eine aktive Friedenspolitik, für Rüstungskontrolle, Diplomatie und zivile Konfliktlösung.

Die größte Herausforderung an die zukünftige Koalition ist allerdings der Aufstieg rechtsextremer Kräfte. Die AfD, die als politisches Bindeglied zwischen Rechtsextremen, Rechtspopulist:innen und Faschist:innen wirkt, ist bei der Bundestagswahl zweitstärkste Kraft geworden. Mittlerweile liegt sie in Umfragen sogar vor der Union. Währenddessen gibt es Stimmen in der Union, die für einen „normalen Umgang“ mit der AfD oder sogar offen für eine Zusammenarbeit mit ihr werben. Wir sehen deshalb die Gefahr, dass die SPD in dieser Koalition über die gesamte Legislatur erpressbar bleibt – mit dem stillen oder offenen Drohpotenzial: „Wenn Ihr nicht mitmacht, regieren wir eben mit der AfD.“

In diesem Zusammenhang verliert auch das stärkste Argument für eine Koalition aus Union und SPD – dass sie immerhin verhindern würde, dass die Union mit der AfD regiert – an Überzeugungskraft. Denn wenn eine Koalition der SPD mit der Union jetzt bloß eine schwarz-blaue Regierung hinauszögert, ist sie falsch. Richtig wäre eine solches Bündnis allenfalls dann, wenn es eine zukünftige Machtergreifung der AfD verhindert. Angesichts der zu erwartenden politischen Wirkungen dieser Koalition – Rückschritte im Sozialen, mehr Druck auf Beschäftigte, Umverteilung von unten nach oben sowie zu erwartende Konflikte zwischen den Regierungsparteien um eine härtere Gangart in der Migrationspolitik – ist allerdings zu befürchten, dass die AfD sogar noch stärker werden wird. Diesen Weg wollen und dürfen wir nicht beschreiten. Deshalb sagen wir Nein zu dem Koalitionsvertrag von Union und SPD.

Koalitionsvertrag auf dem Prüfstand – Deine Stimme zählt

11. April 2025

Am 9. April 2025 stellten die Spitzen von Union und SPD den Koalitionsvertrag vor. Vom 15. bis zum 29. April sind jetzt die SPD-Mitglieder am Zug, um über den Vertrag zu entscheiden. Wir möchten euch die Möglichkeit bieten, über das Verhandlungsergebnis zu diskutieren, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Dazu bieten wir sowohl unsere DL21-Regionalgruppen als auch wir als DL21 auf Bundesebene Diskussionsveranstaltungen an. Wann wo eine Veranstaltung stattfindet, erfährst du untenstehend. Die Termine werden laufend aktualisiert.

Mittwoch, 23. April 2025, 19 Uhr

Diskussionsveranstaltung der DL Berlin

Kurt-Schumacher-Haus

Müllerstraße 163

13353 Berlin

Erika-Heß-Saal

Donnerstag, 24. April 2025

Diskusssionsveranstaltung der DL Thüringen und Sachsen, via Zoom

Meldet euch bitte hier an:  https://tinyurl.com/543zpj93

Vergangene Veranstaltungen

Freitag, 11. April 2025, 16 Uhr

Parteiinterne Diskussionsveranstaltung der DL21 Hamburg/Schleswig-Holstein

mit Dr. Ralf Stegner (SPD MdB)
im Kurt-Schumacher-Haus (Raum 102)
Kurt-Schumacher-Allee 10, Hamburg

Die Regionalgruppe hat auf der Veranstaltung beschlossen, für eine Ablehnung des Koalitionsvertrages zu plädieren:

„Wir lehnen als DL21 Hamburg/Schleswig-Holstein den vorgelegten Koalitionsvertrag ab wegen seines menschenverachtenden Grundcharakters, der die Gleichheit der Würde aller verletzt. Ihm fehlt eine positive gesellschaftliche Perspektive.

Es braucht soziale und demokratische Politik im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und weltweit.

Wir rufen alle SPD-Mitglieder auf, gegen diesen Koalitionsvertrag zu stimmen.“

Samstag, 12. April 2025, 13 Uhr

Diskussionsveranstaltung der DL21 Karlsruhe

Private Adresse (wird auf Anfrage an karlsruhe@dl21.de bekannt gegeben

Montag, 14. April 2025, 19 Uhr

Diskussionsveranstaltung des KV Lörrach und der DL21 BaWü

via Zoom, Zugangsdaten gibt es auf Anfrage

Mittwoch, 16. April 2025, 20 Uhr

Diskussionsveranstaltung der DL21 Bundesebene mit Carmen Wegge MdB, Aziz Bozkurt und Dr. Patrick Kaczmarczyk, via Zoom

Bericht: DL21-Frühjahrstagung am 14./15. März 2025

17. März 2025

Am 14. und 15. März 2025 fand in Nürnberg unserer diesjährige Frühjahrstagung statt, auf der wir uns mit dem Ergebnis der Bundestagswahl, dem verabschiedeten Sondierungspapier und den laufenden Koalitionsverhandlungen befasst haben. Den Auftakt der Tagung bildete am Freitagabend ein Input von Julia Bläsius, Leiterin des Referats Politische Beratung und Impulse der FES. Sie hob dabei einige Besonderheiten dieser Wahl hervor. So sei etwa die Stimmung in der Bevölkerung vor der Wahl auf einem Tiefstand gewesen: eine Mehrheit von 76% sei der Meinung gewesen, die Dinge in Deutschland liefen in die falsche Richtung. Die Kanzlerkandidaten aller Parteien seien so unbeliebt wie nie zuvor gewesen und in den Umfragen habe es seit dem Bruch der Ampelkoalition kaum Bewegung gegeben. Bei der tieferen Analyse des Votums falle auf, dass die SPD bei den Arbeiter:innen herbe Stimmenverluste in Kauf habe nehmen müssen. Julia Bläsius wies in diesem Zusammenhang auf die Veränderung der Arbeiter:innenklasse hin. Sie sei zum einen weiblicher und migrantischer geworden, zum anderen spiele der Dienstleistungssektor dort inzwischen eine größere Rolle. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich diese Klasse inzwischen politisch nicht mehr repräsentiert fühlt.

Mit Blick auf die wichtigsten Themen für die Wahlentscheidung der Menschen stellte Julia Bläsius klar, dass die Frage der Migrationspolitik von den Wähler:innen nur als das viertwichtigste Thema genannt wurde. „Frieden und Sicherheit“, „Wirtschaft“ und „Soziale Gerechtigkeit“ hätten für die Menschen eine größere Bedeutung gehabt.

Ein weiterer zentraler Punkt ihres Inputs war der Wahlerfolg der AfD. In diesem Zusammenhang präsentierte sie die Vorabergebnisse einer Studie für die FES, in der es um den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Daseinsvorsorge und den Stimmen für die AfD geht. Dabei zeige sich, dass überall dort, wo es eine gute Daseinsvorsorge gebe, die Stimmanteile für die AfD geringer seien. Allerdings spiele dieser Zusammenhang in Ostdeutschland eine geringere Rolle. Diese Ergebnisse zeigten auch, wie wichtig es sei, in eine gute Daseinsvorsorge zu investieren. Für die kommende Legislaturperiode und die voraussichtliche Regierungsbeteiligung der SPD schlussfolgerte Julia Bläsius, dass in der Regierung die sozialdemokratische Handschrift sichtbar sein müsse – etwa durch Gute Arbeit, Umverteilung von Oben nach Unten und einen handlungsfähigen Staat. Zudem müsse die SPD ihre Haltung zur Migration klären und eine Lösung finden, die im Einklang mit ihren Grundwerten stehe.

Am Samstag ging es in einer Podiumsdiskussion, an der Parteivorstandsmitglied Sebastian Roloff (MdB), die stellvertretende DL-Vorsitzende und SPD-Bundestagskandidatin Anja König, der bayerische Juso-Vorsitzende Benedict Lang und Heinz Oesterle aus dem Bundesvorstand der AG60+ teilnahmen, um die Lage der SPD und der SPD-Linken nach der Wahl. Die Podiumsteilnehmer:innen berichteten zunächst von ihren Erfahrungen im Wahlkampf, der in den ländlichen Gebieten und vor allem in Ostdeutschland auch von Übergriffen durch AfD-Anhänger gekennzeichnet war. Sie berichteten außerdem davon, wie schwierig es teilweise gewesen sei, Mitglieder für den aktiven Wahlkampf zu motivieren. Das schlechte Abschneiden der SPD wurde vor allem damit erklärt, dass die Partei in den vergangenen Jahren zu weit nach rechts gerückt sei. Mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen und den bevorstehenden Mitgliederentscheid wurde kritisiert, dass es nur die Möglichkeit geben werde, diesem zuzustimmen oder ihn abzulehnen, obwohl es theoretisch auch möglich sei, diesen abzulehnen und Nachverhandlungen zu fordern. Dieser Punkt wurde auch von den anwesenden Tagungsteilnehmer:innen bemängelt. In der Diskussion im Plenum dominierten vor allem die Themen Migration, Frieden und Soziales. Die Teilnehmer:innen zeigten sich von den Ergebnissen der Sondierungsgespräche vor allem in diesen Politikfeldern enttäuscht. Eine Verschärfung im Bereich der Migrationspolitik lehnten sie durchgehend ab und bedauerten, dass sich die SPD dieses Thema im Wahlkampf habe „aufdrängen lassen“. Die SPD hätte sich ihrer Meinung nach dieser Debatte entgegenstellen müssen. Mit Sorge blickten viele der Anwesenden auch auf die anstehenden Mehrausgaben für Verteidigung und forderten, stattdessen müsse eine neue Ära der Abrüstung initiiert werden. Kritisch wurde auch die angestrebte Ausweitung der Arbeitszeit und die Verschärfung der Sanktionen für Bürgergeldbezieher:innen gesehen. Ein weiteres Thema, das in der Diskussion breiten Raum einnahm, war die geplante Grundgesetzänderung zur Schuldenbremse. Hier wurde zum einen bemängelt, dass diese nur für Verteidigungsausgaben ausgesetzt werden solle. Zum anderen wurde aber auch breite Kritik daran geübt, dass die Abstimmung darüber noch im alten Bundestag erfolgen solle.

Schließlich haben wir ausgiebig über eine Stellungnahme zum Sondierungsergebnis debattiert. Zentral war dabei die Feststellung, dass wir als SPD wieder einen Klassenstandpunkt einnehmen und die Interessen der Menschen vertreten müssen, die von Lohnarbeit abhängig sind oder waren, eine Lohnarbeit suchen oder unbezahlte Sorgearbeit leisten. Einen Klassenkampf von oben, wie er von der Union unter Friedrich Merz angestrebt wird, dürfen wir dagegen als SPD nicht mittragen. Die Stellungnahme findet ihr hier.

Keine Kompromisse bei sozialer Gerechtigkeit und Grundrechten: Die SPD braucht einen Klassenstandpunkt

17. März 2025

Stellungnahme des Forum DL21 zu den Sondierungsgesprächen zwischen SPD und Unionsparteien

Die SPD hat bei den Bundestagswahlen ihr historisch schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl erzielt. Nach so einem Wahlergebnis braucht es konstruktive und rücksichtslose, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik und kein Hinüberretten in die Regierung. Das Ergebnis der Bundestagswahl stellt die SPD dabei vor eine schwierige Abwägung. Denn neben einer Mehrheit aus Union und SPD und einer rechnerisch möglichen, politisch aber unplausiblen Mehrheit von Union, Grünen und Linken, steht der Union die Möglichkeit offen, eine Regierung mit der AfD zu bilden. Friedrich Merz und die Union haben durch eine gemeinsame Abstimmung mit der AfD im Vorfeld der Bundestagswahl bewiesen, dass sie zu einem solchen Schritt grundsätzlich bereit sind. Das Szenario der ersten Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei in der Bundesrepublik ist somit eine realistische Gefahr. Nichtsdestoweniger kann dieses Droh-Szenario allein nicht zur Rechtfertigung einer gemeinsamen Regierung aus Union und SPD um jeden Preis dienen. Der Maßstab einer Regierungsbeteiligung der SPD muss auch weiterhin sein, ob eine solche Regierung den Interessen der Menschen dient, deren politische Vertretung die SPD ist – oder sein sollte.

Die Ergebnisse der Bundestagswahl haben eine signifikante Wähler:innenwanderung von  Arbeiter:innen (und auch Angestellten) weg von der SPD und hin zur AfD gezeigt. Nur noch 12% (-14) der Arbeiter:innen gaben der SPD ihre Stimme. Die AfD erzielte dagegen mit 38% (+17) die höchsten Stimmanteile bei den Arbeiter:innen. Die Nachwahlbefragungen zeigen, dass die eigentliche „Arbeiter:innenpartei“ SPD von den Menschen nicht mehr als solche wahrgenommen wird. 52% der Wähler:innen und 46% der ehemaligen SPD-Wähler:innen erklärten, die SPD vernachlässige die Interessen der Arbeitnehmer:innen. Bei der Frage nach Kompetenzzuschreibungen haben nur 26% der Befragten angegeben, dass die SPD auf dem Feld der sozialen Gerechtigkeit Kompetenzen besitze. Das ist ein Minus von 14 Prozentpunkten.

Das Wahlergebnis hat verdeutlicht, was schon lange in der Parteienforschung diskutiert wird: Die Übernahme rechter Positionen im Diskurs über Fragen von Migration und Sicherheit stärkt am Ende ausschließlich rechte Parteien. Das hat die Wähler:innen-Wanderung von der SPD zur Union, aber auch von der Union zur AfD gezeigt: Wenn alle Parteien darüber diskutieren, wer am meisten abschiebt, profitieren davon nur rechtsextreme Parteien. Von den Debatten um Aufrüstung und Krieg haben auch rechtsextreme Parteien profitiert. Die weltweite Zunahme von Kriegen und bewaffneten Konflikten ruft bei vielen Menschen Unsicherheit hervor. Eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird auch damit begründet, dieser Unsicherheit zu begegnen. Tatsächlich sorgen mehr Waffen aber nicht für mehr Sicherheit, sondern erhöhen die Gefahr, dass Kriege ausbrechen. Der Paradigmenwechsel von einer Friedens- und Verständigungspolitik zu einem Streben nach „Kriegstüchtigkeit“ und Militarisierung ist gegen die Interessen der Bevölkerung. Wir stehen zu einer regelbasierten internationalen Ordnung mit dem Primat der Diplomatie und der nichtmilitärischen Konfliktlösung.

Diese Bundestagswahlen haben im Bundestag eine Mehrheit rechter und konservativer Parteien zustande gebracht: Diese Mehrheit ist auch das Ergebnis der politischen Entwicklungen der letzten Jahre. Fortschrittliche und linke Kräfte haben es zugelassen, dass sich soziale Konflikte immer weiter zugespitzt haben. In Reaktion darauf haben es rechte Kräfte vermocht, die daraus resultierende Enttäuschung und Wut umzuleiten auf Schwächere: Geflüchtete, Bürgergeldbezieher:innen und andere haben als Sündenböcke herhalten müssen, auf die sich der angestaute Frust entladen konnte. Aufgabe fortschrittlicher Kräfte muss es sein, die wirklichen Ursachen dieser Konflikte zu benennen und ihre Ursachen zu beseitigen.

Auch deshalb ist es die Aufgabe der SPD, einen klaren Klassenstandpunkt für die Arbeit einzunehmen. Sie muss diejenigen ernstnehmen, die sich von der Sozialdemokratie im Stich gelassen, nicht mehr von ihr vertreten fühlen und unmissverständlich klarmachen, wessen politische Interessen sie politisch organisieren und durchsetzen will – und wessen nicht. Das bedeutet, Politik im Sinne der Menschen zu machen, die von Lohnarbeit abhängig sind oder waren, die eine Lohnarbeit suchen oder mittelbar von einer abhängig sind, weil sie unbezahlte Sorgearbeit leisten. Aus dieser Perspektive müssen unsere konkreten politischen Positionen abgeleitet werden.

Bezahlbare Mieten, eine auskömmliche Rente, höhere Löhne, mehr Demokratie in der Arbeitswelt, eine klare Regelung von Arbeitszeiten, der Ausbau eines bezahlbaren ÖPNV sowie des Schienenfernverkehrs, gute und verlässliche Bildung und Kinderbetreuung sind ebenso im Interesse der arbeitenden Menschen wie der gesamten Bevölkerung. Politik im Sinne der arbeitenden Menschen muss sich auch einer immer weitergehenden Aufrüstung entgegenstellen. Es sind die arbeitenden Menschen, die in diesen Kriegen fallen und unter ihnen leiden – auf allen Seiten. Der Weg zur Kriegstüchtigkeit ist deshalb nicht im Interesse der arbeitenden Menschen. In ihrem Sinne ist ein Weg der Rüstungskontrolle und Abrüstung, der Diplomatie und Verhandlungen, um gegenwärtige Kriege zu beenden und kommende zu verhindern.

Diese politische Ausrichtung an den Interessen der arbeitenden Klasse ist auch im Interesse der Bevölkerungsmehrheit, endet aber nicht in derselben politischen Beliebigkeit und opportunistischen Orientierung an vermeintlichen Erkenntnissen von Meinungsforschungs-Instituten. Das haben auch die Ansätze der vergangenen Jahre gezeigt, Politik “für die Mitte” zu machen. Sowohl die Union als auch die SPD haben für sich beansprucht, die politische Vertretung der gesellschaftlichen “Mitte” zu sein, daraus aber gänzlich andere politische Schlussfolgerungen gezogen. Für die SPD muss das Ergebnis dieser Bundestagswahlen heißen, den eigenen politischen Standpunkt als Partei der arbeitenden Menschen herauszuarbeiten, also einen konsequenten Klassenstandpunkt einzunehmen.

Eine gemeinsame Regierung mit der Union, die sich an dem jetzt vorliegenden Ergebnis der Sondierungen ausrichtet, wird diesem Ziel aber nicht gerecht. Denn die Union nimmt sehr wohl einen Klassenstandpunkt ein, das haben ihre Vertreter:innen vor und nach den Bundestagswahlen gezeigt: Das Programm der Union unter Friedrich Merz ist das eines Klassenkampfs von oben. Es richtet sich gegen arbeitende Menschen, Familien und Mieter:innen, gegen die Mehrheit der Bevölkerung.  Sie wollen ein Steuerprogramm umsetzen, bei dem Spitzenverdiener:innen profitieren, das Bürgergeld abschaffen und Sanktionen für Leistungsbezieher:innen bis hin zur Wiedereinführung des vollständigen Leistungsentzugs verschärfen, die Arbeitszeiten ausweiten und die unsolidarische private Krankenversicherung ausbauen.

Die SPD darf dieses Programm des Klassenkampfs von oben nicht in einer Regierung mittragen, sondern muss sich ihm entgegensetzen. Das Mindeste ist es zu verhindern, dass die Union ihr Programm des Klassenkampfs von oben durchsetzen kann. Die Wahlergebnisse geben eine Regierungsmehrheit im Interesse der arbeitenden Menschen nicht her und machen es schwer, Programmpunkte der SPD umzusetzen. Vor diesem Hintergrund gibt es einige Punkte im Sondierungspapier, die positiv zu erwähnen sind. Dazu gehören

  • ein Mindestlohn von 15 Euro, ein Schritt in die richtige Richtung,
  • Sicherung des Rentenniveaus, das als erster Schritt zur Rückkehr zur Lebensstandardsicherung gelten muss,
  • das Bekenntnis zu einer höheren Tarifbindung und einem Tariftreuegesetz,
  • Lockerung der Schuldenbremse für die Länder,
  • ein Sondervermögen für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur von 500 Mrd. Euro,
  • Wiedereinführung der Sprachkitaprogramme,
  • Fortführung des Start-Chancen-Programms oder
  • ein Gewaltschutzgesetz für Frauen und Kinder.

Der kleinstmögliche Maßstab einer Regierungsbeteiligung der SPD muss nichtsdestoweniger sein, alle Maßnahmen abzuwehren, die gegen die Interessen der arbeitenden Menschen gerichtet sind und ihre Arbeits- und Lebensbedingungen verschlechtern. Im Sondierungsergebnis finden sich aber solche Maßnahmen oder Punkte, die jedenfalls die Gefahr dazu bergen.     

  • Zusätzliche Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz sind ein wichtiger Erfolg. Allerdings lehnen wir eine im Grundgesetz verankerte Ausnahme von den Regelungen der Schuldenbremse ausschließlich für Verteidigungsausgaben ab, während die Schuldenbremse insgesamt erst zukünftig reformiert werden soll. Wir benötigen langfristig eine makroökonomisch sinnvolle Lösung auf EU-Ebene.         
  • Die Einführung einer wöchentlichen statt einer täglichen Höchstarbeitszeit dreht mühsam erkämpfte Fortschritte zurück und schränkt die Rechte und Interessen von Beschäftigten ein. Gewerkschaften, Sozialdemokrat:innen und Sozialist:innen haben den Achtstundentag über Generationen hinweg erkämpft. Er schützt diejenigen, die nach acht Stunden Arbeit endlich Feierabend machen wollen – und hindert niemanden, länger zu arbeiten, wenn sie das wirklich freiwillig tun.
  • Die Einführung eines Vermittlungsvorrangs vor Qualifizierung  dreht wichtige Fortschritte im Bürgergeld zurück. Die Verschärfung der Sanktionen bis hin zur Wiedereinführung des vollständigen Leistungsentzugs baut Druck an der falschen Stelle auf.  Wir wissen, dass die wahren leistungslosen Nutznießer:innen auf Staatskosten Superreiche sind, die den Fiskus jährlich um über 100 Mrd. (!) Euro Steuereinnahmen durch Steuerhinterziehung bringen. Wer kein Wort hierüber verliert, sondern nur über ca. 15.000 Menschen im Bürgergeld, die wegen verschiedenster Probleme und Hemmnisse als “Totalverweigerer” erscheinen, der will nur nach unten treten.
  • Im Sondierungspapier wird Migration weitgehend negativ aufgefasst, sie soll begrenzt, zurückgewiesen und rückgeführt werden. Diese Schlagseite ist in den Verhandlungen zu korrigieren – wir brauchen Anstrengungen, um eine Willkommenskultur in Deutschland zu fördern und den Menschen, die hier ankommen, eine echte Chance zu geben. Eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts mit der Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu entziehen, wäre verfassungswidrig und unanständig. Zurückweisungen von Asylsuchenden an den Grenzen sind rechtswidrig und menschenverachten,  ebenso wie die Aussetzung des Familiennachzugs, eine Abschaffung des verpflichtend beigestellten Rechtsbeistandes vor der Durchsetzung der Abschiebung, die deutschlandweite Einführung der Bezahlkarte, Abschiebungen in nicht sichere Herkunftsländer (Afghanistan und Syrien) oder die Beendigung der freiwilligen Aufnahmeprogramme.

Die SPD hat nicht die Aufgabe, die Interessen der Reichen und Mächtigen zu vertreten. Diejenigen, die nicht arbeiten müssen, weil sie andere für sich arbeiten lassen und von den Dividenden dieser Arbeit leben können, sind nicht auf die Sozialdemokratie angewiesen, um ihre Interessen vertreten zu wissen. Sie brauchen die SPD nicht, um ihre unsozialen Steuervermeidungstaktiken noch weiter auszubauen.

Die Reichen und Mächtigen haben ihre politische Interessenvertretung unter anderem in CDU und CSU. Sie erwarten sich berechtigterweise von einer Regierung unter Unionsbeteiligung, dass ihre Interessen befördert werden. Das darf aber nicht die Sache der Sozialdemokratie sein. Die SPD darf nicht in eine Koalition eintreten, um Beschäftigtenrechte einzuschränken, Reallöhne zu senken, das Asylrecht zu verschärfen, die Aufrüstung voranzutreiben, das Bürgergeld zu kürzen und Steuern für Menschen mit sehr hohen Einkommen und Vermögen zu senken. Stattdessen braucht es eine Regierung, die die Reichen stärker für die Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben heranzieht und für eine solidarische Umverteilung sorgt.

Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen, die nach den Sondierungen nun aufgenommen werden, muss deshalb anders aussehen als das Ergebnis der Sondierungen.  Es ist Aufgabe der Linken in der Sozialdemokratie, darauf hinzuwirken.

Darüber hinaus braucht es eine politische Strategie zur Erringung gesellschaftlicher und parlamentarischer Mehrheiten für eine andere Politik.

Wir brauchen eine echte Reform der Schuldenbremse

12. März 2025

Stellungnahme zur Einigung von Union und SPD auf Ausnahme der Militärausgaben von der Schuldenbremse und Einrichtung eines Sondervermögens

Das Forum DL21 kritisiert die jüngste Einigung von Union und SPD, die Militärausgaben von der Schuldenbremse auszunehmen und ein Sondervermögen für Infrastrukturinvestitionen einzurichten. Zwar begrüßen wir die Bereitstellung eines Sondervermögens von 500 Mrd. Euro für Infrastrukturinvestitionen und die Lockerung der Verschuldungsregelungen für die Bundesländer, so dass diese nun die Möglichkeit haben, höhere Kredite aufzunehmen.  

Aus unserer Sicht ist es jedoch unzureichend und problematisch, dass lediglich die Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausgenommen werden sollen. Zum einen halten wir Aufrüstung für einen falschen Weg, wenn wir Frieden erreichen wollen. Zum anderen ist unklar, wie die unbegrenzten Militärausgaben finanziert werden sollen. Ohne eine Änderung der Steuergesetzgebung, um diese Ausgaben etwa mit höheren Steuern oder Sonderabgaben für Menschen mit sehr hohen Einkommen und Vermögen zu verknüpfen, wird die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung am Ende die Last tragen müssen oder es drohen Kürzungen in anderen Bereichen.

Darüber hinaus zeigt das Vorhaben, 500 Mrd. Euro in die Finanzierung der Infrastruktur zu stecken aber auch, wie wichtig Investitionen in diesem (und anderen) Bereichen sind und wie notwendig eine grundsätzliche Reform, wenn nicht gar eine vollständige Abschaffung der Schuldenbremse wäre. Mindestens müssen aber Investitionen in den Bereichen Soziales, Infrastruktur, Bildung, Familie, Demokratie, bezahlbares Wohnen und Klimaschutz von den derzeit geltenden Schuldenregeln ausgenommen werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass dringend benötigte Investitionen getätigt werden, um den sozialen Zusammenhalt, die ökologische Transformation und die Lebensqualität in unserem Land nachhaltig zu sichern. Die Einrichtung eines Sondervermögens für Infrastrukturausgaben greift daher zu kurz.

Es ist aus demokratietheoretischer Perspektive zudem nicht nachvollziehbar, dass die Abstimmung über diese Änderungen noch im alten Bundestag erfolgen soll. Wir finden es bedenklich, wenn Abgeordnete, die nicht wiedergewählt wurden, über eine so weitreichende Entscheidung wie die Änderung des Grundgesetzes abstimmen sollen. Dies schwächt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Legitimität parlamentarischer Entscheidungen.

Als SPD geben wir durch diese Einigung zudem alle Optionen für eine echte Reform der Schuldenbremse aus der Hand. Wenn Friedrich Merz bei den Militärausgaben freie Hand erhält, wird eine weitere Reform der Schuldenbremse nahezu unmöglich. Es hätte der Versuch unternommen werden müssen, sich mit den demokratischen Fraktionen des neuen Bundestages – also Grünen und Linken –  über eine generelle Überarbeitung der Schuldenbremse zu einigen. Dabei wäre es unerlässlich gewesen, die beide Parteien von Anfang an in die Verhandlungen einzubeziehen.

Wir fordern eine umfassende und nachhaltige Reform der Schuldenbremse, die alle notwendigen Investitionen berücksichtigt und die demokratischen Prinzipien wahrt. Nur so können wir den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden und eine gerechte und nachhaltige Entwicklung unseres Landes sicherstellen.

Veranstaltung: DL21-Frühjahrstagung Wahlnachlese: SPD-Kurs nach der Bundestagswahl

3. März 2025

Wann? Freitag, 14. März & Samstag, 15. März 2025

Wo? Gewerkschaftshaus, Am Kornmarkt 5-7, 90402 Nürnberg und online via Zoom

Liebe Genoss:innen,

am 14. und 15. März findet in Nürnberg unsere diesjährige DL21-Frühjahrstagung statt, auf der wir uns maßgeblich mit der Auswertung der Bundestagswahlergebnisse beschäftigen wollen. Einen besonderen Fokus werden wir natürlich auf die Analyse des Abschneidens der SPD legen. Dabei soll es auch um eine Auswertung des vorangegangenen Wahlkampfes und des Wahlprogramms sowie die sich daraus ergebenden Implikationen für unsere künftige programmatische und strategische Ausrichtung gehen.

Darüber hinaus wollen wir uns auch mit der Frage der Mehrheitsfindungen im Bundestag und möglichen Koalitionsverhandlungen befassen. Welche Perspektiven gibt es darin für die gesellschaftliche Linke und die Sozialdemokratie? Was ist von einer nächsten Bundesregierung zu erwarten? Was bedeutet das für das Verhältnis der SPD zur Regierung und welche Rolle können wir als Linke in der Sozialdemokratie dabei einnehmen?

Diese und weitere Fragen wollen wir mit euch und unseren Referent*innen beantworten und freuen uns auf euer zahlreiches Erscheinen und den Austausch mit euch!

Mit solidarischen Grüßen

Jan, Alma und Erik

Freitag, 14. März 2025

19:00 Uhr:       Begrüßung und Einleitung durch die Vorsitzenden

19:15 Uhr:       Wahlauswertung, Input

                        Julia Bläsius, Leiterin des Referats Politische Beratung und Impulse, FES

                        Anschließend Diskussion

21:00 Uhr:       Ende

im Anschluss gemütliches Beisammensein

Restaurant Trödelstuben, Trödelmarkt 30, 90403 Nürnberg

Samstag, 15. März 2025

10:00 Uhr:       Begrüßung und Einleitung durch die Vorsitzenden

10:15 Uhr:       Die SPD nach der Wahl

                        Podiumsdiskussion mit

  • Sebastian Roloff, MdB, DL21-Vorstandsmitglied und Mitglied im SPD-Parteivorstand
  • Anja König, DL21-Vorstandsmitglied und SPD-Bundestagkandidatin
  • Benedict Lang, Landesvorsitzender Jusos Bayern
  • Heinz Oesterle, Mitglied im Bundesvorstand der AG60+
  • Ulrike Häfner, Ko-Vorsitzende SPD FRAUEN (angefragt)

12:30 Uhr:       Mittagspause

13:30 Uhr:       Die SPD-Linke nach der Wahl

                        Diskussion im Plenum

16:30 Uhr:       Ende

Anmeldung:         

Wir bitten um eine Anmeldung über unser Anmeldeformular. Bitte teilt und mit, an welchen Tagen ihr teilnehmen wollt und ob ihr digital oder vor Ort dabei sein werdet.

Übernachten:       

Wir haben Abrufkontingente in folgenden Hotels eingerichtet:

Hotel Fackelmann

Essenweinstrasse 10

90443 Nürnberg

  • Einzelzimmer kosten zwischen 65,- und 87,- Euro (inkl. Frühstück)
  • Zimmer könnt ihr dort bis zum 28.02.2025 unter dem Stichwort „DL21-Frühjahrstagung“ buchen.

Hotel am Jakobsmarkt

Schottengasse 5

90402 Nürnberg

  • Einzelzimmer kosten zwischen 64,- und 79,- Euro (inkl. Frühstück)
  • Zimmer könnt ihr dort bis zum 24.02.2025 unter dem Stichwort „DL21-Frühjahrstagung“ buchen.

Zugangsdaten:    Die Einwahldaten senden wir euch nach einer Anmeldung über unser Anmeldeformular zu.

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