Keine Grundrente mit verstaubten Rollenbildern

11. November 2019

Berlin, 11.11.2019 – Zum gestern beschlossenen Kompromiss der Großen Koalition zur Grundrente sagt die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis, Bundesvorsitzende des Forums DL21:

„Das Signal stimmt: Die Grundrente kommt. Sie ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Altersarmut, nicht das Ende der Fahnenstange! Wir fordern weiterhin die Ausweitung tarifgebundener Beschäftigungsverhältnisse, damit niemand in Altersarmut rutscht sowie die Anhebung des Rentenniveaus auf über 50%, denn die Rente muss nicht nur armutsfest, sondern lebensstandardsichernd sein.

Zudem muss nachgebessert werden, denn die CDU hat sich die grundsätzliche Einigung mit einem überholten Geschlechtermodell erkauft. Die Grundrente soll gezahlt werden, um die Lebensleistung der Menschen zu honorieren. Aber zahlreiche Frauen werden das Nachsehen haben, denn ihre Einkommen werden nicht individuell, sondern mit ihrem Partner gemeinsam betrachtet. Frauen sind aber keine Anhängsel ihrer Männer, sondern haben Leistung selbst erbracht, für die sie auch individuell Grundrente bekommen müssen. Der Gesetzgeber muss an dieser Stelle nacharbeiten. Ein verstaubtes Rollenbild darf sich nicht auf Rentenansprüche auswirken.“

8 Unterbezirke nominieren Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

28. August 2019

Berlin, 28.08.2019 – Das Willy-Brandt-Haus hat den Eingang der erforderlichen Nominierungen für die Kandidatur von Hilde Mattheis und Dierk Hirschel zum SPD-Bundesvorsitz bestätigt. Damit erfüllt das Team die formalen, von der Partei vorgegebenen Voraussetzungen für die Kandidatur und nimmt an den SPD-Regionalkonferenzen ab dem 04.09.2019 teil.
Die SPD-Unterbezirke Ulm, Sigmaringen, Ravensburg, Landshut, Vorpommern-Greifswald, Freudenstadt, Freiburg sowie Bad Tölz-Wolfratshausen stimmten für die Nominierung von Hilde Mattheis und Dierk Hirschel. Damit wurde in nicht einmal zwei Wochen das erforderliche Quorum erreicht.
„Das ist für uns natürlich eine Riesenfreude und zusätzliche Motivation. Es wird Zeit, dass die SPD wieder zu der Partei wird, welche den Hunger nach Gerechtigkeit in diesem Land endlich stillt,“ sagt Hilde Mattheis. Dierk Hirschel fügt hinzu: „Unser Dank gilt allen Unterstützer*innen. Das ist ein wichtiger Schritt für uns. Doch zurücklehnen werden wir uns jetzt sicher nicht. Die SPD wieder zur Partei der Arbeit zu machen, das geht nur mit der breiten Unterstützung der Parteibasis. Um diese werben wir“.
Hilde Mattheis ist seit 2002 SPD-Bundestagsabgeordnete und Bundesvorsitzende des Forums Demokratische Linke 21. Dierk Hirschel ist ver.di-Chefökonom und Vorstandsmitglied im Forum Demokratische Linke 21.
Weitere Informationen über das Team und seine Positionen unter www.mattheishirschel.de

13 konkrete inhaltliche Ziele und ein neues Grundsatzprogramm

22. Juli 2019

Auf unserer Mitgliederversammlung am 29, Juni 2019 haben wir 13 Forderungen verabschiedet, die die SPD umsetzen soll. Die Partei soll künftig nur noch Regierungsbündnisse eingehen, in denen diese Punkte zu gemeinsamen Zielen erklärt werden. Außerdem fordern wir die Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogrammes. Das Papier mit den Forderungen findet ihr hier.

Die Wahl von Frau von der Leyen för-dert Politikverdrossenheit

17. Juli 2019

Mit dem äußerst knappen Ergebnis von 383 Stimmen ist Frau von der Leyen gewählt worden. Damit liegt sie mit nur 9 Stimmen über den notwendigen Stimmen in Höhe von 374. Das macht deutlich, dass sie nur ein schwaches politisches Mandat hat.

 

„Die Wahl von Frau von der Leyen zur Kommissionspräsidentin ist ein Rückschlag für die Rechte des Europäischen Parlaments“, betont der Europaabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der DL21 Dietmar Köster. „Mit dieser Wahl zur neuen Kommissionspräsidentin wird das Modell der Spitzenkandidatur zu Grabe getragen“, unterstreicht die Vorsitzende der DL21 Hilde Mattheis. „Die SPD und ihre Kandidat*innen für das Europaparlament haben mit dem Versprechen Wahlkampf gemacht, dass die Wähler*innen mit ihrer Stimmabgabe über die Wahl der/des neuen Chef*in der Kommission mitentscheiden. Daher haben die deutschen Sozialdemokrat*innen im Europäischen Parlament konsequent gehandelt, wenn sie geschlossen gegen die Kandidatin gestimmt haben“, so Dietmar Köster weiter. „Die Europaabgeordneten haben sich an ihr Wahlversprechen gehalten, alles andere wäre Wähler*innenbetrug gewesen und hätte die Politikverdrossenheit gestärkt. Mit dieser klaren Haltung kann die SPD wieder ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen“, stellte Hilde Mattheis in den Vordergrund.

 

Aber auch die politischen Statements der Kandidatin blieben inhaltlich zu schwach. Sie macht Versprechungen zur Sozialpolitik, die halbherzig bleiben und wenig glaubwürdig sind. Im Wahlkampf haben CDU/CSU sich noch gegen faire Mindestlöhne ausgesprochen. Bei der Frage, wie sie sich ein Europa des Friedens, der Abrüstung und Entspannung vorstellt, schwieg sie. Das ist inakzeptabel, da doch gerade durch die Kündigung des INF-Vertrages eine neue Runde des atomaren Wettrüstens in Europa droht.

 

„In der Flüchtlingspolitik beklagt sie wohl das Sterben auf dem Mittelmeer. Sie sagt aber zum Beispiel nicht zu, dass hier kurzfristig durch die Kommission ein eigenes Seenotrettungsprogramm auf den Weg gebracht werden muss. Daher bleibt alles beim Alten. Das ist nicht zu akzeptieren“, sagt Dietmar Köster.

 

„Schließlich wird sie sich im Bundestag noch vor dem Untersuchungsausschuss rechtfertigen müssen, ob sie bei der Vergabe von Beraterfirmen Steuergelder verschwendet hat. Das ist kein guter Start für die EU“, meinte Hilde Mattheis.

 

 

Der Vorschlag zur EU-Kommissionspräsidentin ist ein großer Rückschlag für die europäische Demokratie

3. Juli 2019

Berlin, 03.07.2019 – Der Europäische Rat schlägt für die europäischen Spitzenpositionen ein Team um eine neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor. Die Bundesvorsitzende der DL21 Hilde Mattheis, MdB und der stv. DL21-Vorsitzende Dr. Dietmar Köster, MdEP lehnen den Vorschlag vehement ab.

„Dieser Personalklüngel im Hinterzimmer ist eine Schande für die europäische Demokratie. Das Prinzip der Spitzenkandidaten wird über den Haufen geworfen, weil einige Staats- und Regierungschefs vor den Forderungen der sog. Visegrad-Staaten einknicken. Die Personalie von der Leyen ist daher kein Coup der Kanzlerin, sondern ein Triumph jener Staaten, die regelmäßig gemeinsame europäische Lösungen ablehnen und den Rechtsstaat aushöhlen“, kritisierte Hilde Mattheis das Verfahren.

Dietmar Köster unterstreicht: „Es ist sehr gut, dass wir SPD-Abgeordneten im Europäischen Parlament diesen Vorschlag ablehnen. Alle Abgeordneten, die sich zum Spitzenkandidaten-Prinzip bekannt haben und damit zur Stärkung des Europäischen Parlaments, müssen gegen Frau von der Leyen als neue Kommissionspräsidentin stimmen. Europäische Demokratie ist kein Geschacher in Hinterzimmern, sondern beruht auf Transparenz und muss das Votum der Wählerinnen und Wähler zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen. Die SPD steht für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Grundrechte. Eine gescheiterte Verteidigungsministerin wird nicht in der Lage sein, die bevorstehenden Herausforderungen der EU solidarisch zu gestalten. Sie steht für eine neue konventionelle und atomare Aufrüstung und ist eine Gefahr für das Friedensprojekt Europa.“

Entschlossen gegen rechte Gewalt

21. Juni 2019

Berlin, 19.06.2019 – Nach dem Mord am ehemaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verdichten sich die Hinweise auf einen rechtsextremistischen Hintergrund. Die Bundestagsabgeordnete und Bundesvorsitzende des Forums DL21, Hilde Mattheis zeigt sich schockiert über die eskalierende rechte Gewalt in Deutschland.

„Wir wissen doch seit vielen Jahren: Wir haben ein massives Problem mit rechter Gewalt in diesem Land. Dass nach der Mordserie des NSU erneut ein rechter Einzeltäter oder Mitglied eines Netzwerks mordend umherzieht, verdeutlicht, wie groß die Gefahr durch gewaltbereite Neonazis in Deutschland ist. Diese Gefahr darf nicht verharmlost werden, die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 20.431 Delikte rechter politisch motivierter Kriminalität und ein Anstieg der Gewaltdelikte im Jahr 2018 sind besorgniserregend.

Die Grundlage für solche Gewalt legen rechte Brandstifter, die wieder in den Parlamenten sitzen und mit Worten zu Hass und Hetze aufstacheln. Sie benennen ihre Feindbilder. Ein kleiner, gewaltbereiter Teil der Bevölkerung fühlt sich davon ermutigt, mit zu hetzen – ob im Internet oder ganz real. Ich appelliere an alle politisch Verantwortlichen aller demokratischen Parteien, sich entschlossen gegen Rechts zu stellen und alle gewaltfreien zivilgesellschaftlichen Initiativen und Bündnisse gegen rechte Umtriebe zu unterstützen.“

Eine einzelne Personalentscheidung wird die SPD nicht retten

3. Juni 2019

Zum Rücktritt von Andrea Nahles von Partei- und Fraktionsvorsitz äußert sich die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Forums DL21 Hilde Mattheis:

„Ich finde die Entscheidung von Andrea Nahles konsequent und mutig. Aber angesichts der aktuellen Lage müssen wir ehrlich feststellen, dass eine einzelne Personalentscheidung die SPD nicht aus der tiefen Krise führen wird, in die sie über die vergangenen Jahre geraten ist. Was wir brauchen ist eine grundlegende Veränderung“, erklärt Mattheis. „Wenn die SPD wieder erfolgreich sind will, müssen wir mit einem klaren Kurs Vertrauen zurückgewinnen. Konkret heißt das: Abkehr von Hartz IV, Umverteilung mit von oben nach unten durch eine Vermögens- und Erbschaftsteuer, stärkere Investitionen in umweltfreundliche Technologien, um die selbst gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen

„Wir als DL21 fordern darüber hinaus zudem eine Demokratisierung der innerparteilichen Strukturen und Transparenz der Entscheidungen von Führungsgremien.“

 

Kriminell ist die Abschottungspolitik, nicht die Seenotrettung

21. Mai 2019

Berlin, 21.05.2019 – Die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Forums DL21 Hilde Mattheis kritisiert die Beschlagnahmung der Sea-Watch 3 und fordert von der Bundesregierung, sich endlich für eine institutionalisierte freiwillige Aufnahme von Flüchtlingen einzusetzen:

„Die andauernde Kriminalisierung von privaten Seenotrettungsorganisationen ist unerträglich. Zumal sie die einzigen sind, die die Menschen noch vor dem Ertrinken retten, während die EU ihre Mission vorerst eingestellt hat“, befindet Mattheis. „Kriminell sind doch nicht diejenigen, die Menschenleben retten, sondern die Abschottungspolitik der EU und des rechtspopulistischen Innenministers!“ stellt Mattheis klar. Auch könne es nicht sein, dass Gerettete Tage und Wochen auf dem Meer ausharren müssen, bis sie irgendwann einmal einen Hafen anlaufen können. „Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, die Schutzsuchenden nicht als politische Geiseln zu halten. Dieses Verhalten ist einer Friedensnobelpreisträgerin EU unwürdig“, erklärt Mattheis.

„Wir brauchen endlich wieder ein europäisches Seenotrettungsprogramm, weil Solidarität nicht an den Küsten des Mittelmeers enden darf. Zudem hatte Gesine Schwan bereits 2016 einen Vorschlag vorgelegt, wonach Kommunen freiwillig Geflüchtete aufnehmen können und dafür Gelder aus einem noch zu schaffenden EU-Fonds erhalten sollen. „Ich finde es unbegreiflich, dass die Bundesregierung diesen klugen Ansatz noch nicht aufgegriffen hat“, erklärt Mattheis. „Da ist die SPD mit ihrem Europawahlprogramm wesentlich weiter.“  Sie hat  die Forderungen von Schwan in ihr Programm übernommen. „Damit hat die SPD gezeigt, dass es in Europa noch Kräfte gibt, die sich für eine humane Flüchtlingspolitik stark machen.“

Ein Gespenst geht um: Das Gespenst der Verstaatlichung

15. Mai 2019

von Dietmar Köster 

Alle Mächte des Neoliberalismus haben sich gegen es zusammengefunden: Die Boulevard-Presse, die Frankfurter Allgemeine, CSU und CDU und FDP, ein gescheiterter Parteivorsitzender und einige andere. Einige Beiträge, die in dem Urheber dieser Debatte den neuen „Arbeiterschreck“ sehen, erwecken den Eindruck, als wolle die SPD den Arbeiter*innen jetzt tatsächlich ihre Villen im Tessin wegnehmen, wie der Grafiker Staeck in den 1970er Jahren auf einem Plakat ironisch festhielt.

Anlass für diese hysterische Diskussion ist die Äußerung des Juso-Bundesvorsitzenden, Kevin Kühnert, der in einem Interview mit der Zeit gefragt wurde, was er sich unter Sozialismus vorstelle. Dabei dachte er auch über eine „Kollektivierung von BMW“ nach. Das reichte, um alte Zerr- und Hassbilder über die Sozialdemokratie wieder aus der verstaubten Mottenkiste zu holen. Sie folgen dem reaktionären Motto der 1950er Jahre, demzufolge alle Wege des Sozialismus nach Moskau führten. So wird jetzt ernsthaft gefragt, wieviel DDR in der SPD stecke. Obwohl die Sozialdemokratie in der Nachkriegsgeschichte Opfer der DDR-Despotie wurde.

Doch was ist überhaupt der Inhalt des Interviews? Kevin Kühnert geht es weniger um eine tagespolitische Forderung. Er verfolgt ein anderes Anliegen: Zu Recht weist er auf Fehlentwicklungen des Kapitalismus in Form von sozialer Ungleichheit, mangelnder Wirtschaftsdemokratie und fehlender Verteilungsgerechtigkeit hin. Und in dieser Hinsicht zieht er die mögliche „Kollektivierung“ von BMW in Betracht und betont: „Was unser Leben bestimmt, soll in der Hand der Gesellschaft sein und demokratisch von ihr bestimmt werden. Eine Welt, in der Menschen ihren Bedürfnissen nachgehen können. Eine Demokratisierung aller Lebensbereiche“. Wohlgemerkt: Es geht ihm darum, Gedanken über eine Gesellschaft des demokratischen Sozialismus zu entwickeln. Seine Überlegungen finden dabei auch in der SPD größere Unterstützung als gemeinhin angenommen: „In einer Online-Umfrage des Instituts Civey befürworten 49 % der SPD-Anhänger Kühnerts Vorschläge“ (FAS, 5.5.2019).

Die neoliberale Gehirnwäsche der letzten Jahre, die den Markt als allein selig machendes Instrument für Wohlstand und Gerechtigkeit betrachtet, zeigt aber bei dem einen oder anderen stärkere Wirkung. Dass die mögliche Vergesellschaftung von Produktionsmitteln im Artikel 15 des Grundgesetzes steht, wird überwiegend ausgeblendet. So benennt Artikel 14 Grenzen bei der Nutzung des privaten Eigentums: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Und weiter: “Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.“

Ob der Gebrauch des kapitalistischen Privateigentums immer dem Wohle der Allgemeinheit dient, darf bezweifelt werden, wenn zum Beispiel der Chef von Daimler Benz mit einer täglichen Rente von 4.250 Euro kalkulieren kann, während knapp 48 Prozent der Rentner*innen eine gesetzliche Rente von weniger als 800 Euro monatlich erhalten. Ein weiteres Beispiel: Die größten Anteile von BMW besitzen die Familie Quandt, der 21 Milliarden US Dollar (Susanne Klatten) und 18,4 Mrd (Stefan Quandt) gehören. 2018 haben sie zusammen mehr als eine Milliarde Euro eingenommen, was dem Einkommen von 10.000 Arbeitnehmer*innen von BMW entspricht. Drei Millionen Euro jeden Tag. Ohne Eigenleistung, einfach weil sie es geerbt haben. Was ist daran falsch, wenn Kühnert die Forderung stellt: „Die Verteilung der Profite muss demokratisch kontrolliert werden“.

Wenn der Kapitalismus weltweit eine Ungleichheit erzeugt, wonach die 26 reichsten Menschen der Welt ein Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung, und zugleich 900 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, dann läuft da etwas grundlegend falsch.

Der französische Ökonom Thomas Piketty legt in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ dar, dass die Ungleichheit ein Ausmaß angenommen hat wie vor 100 Jahren. Es wird immer offensichtlicher, dass das privatkapitalistische Eigentum dem Allgemeinwohl immer weniger verpflichtet ist. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen: So beklagen 80 Prozent der Deutschen die zunehmende soziale Ungleichheit. Das Thema der Verteilungsgerechtigkeit wird immer dringender.

Während Kevin Kühnert nur über die Möglichkeiten von Vergesellschaftung nachdenkt, führt der Kapitalismus durch seine Verhältnisse immer wieder ganz praktisch zu Enteignungen. In der Finanzmarktkrise in 2008 hatte sich die Commerzbank so verspekuliert, dass sie in staatliches Eigentum überführt werden musste. Jede kapitalistische Krise führt zu Unternehmenspleiten, die nichts anderes bedeuten, als die Enteignung ihrer Besitzer. Und Verkehrsminister Scheuer führt momentan 65 Enteignungen durch, um Straßen bauen zu können.

Das Thema der Vergesellschaftung von Produktionsmitteln erfreut sich auch in anderen Kontexten zunehmender Aufmerksamkeit, wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive. In Berlin gibt es die Volksinitiative zur Enteignung der „Deutschen Wohnen“, um bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Dagegen forderte die FDP auf ihrem letzten Parteitag die Streichung des Vergesellschaftungs-Artikels 15 aus dem Grundgesetz. Die FDP stört bei ihrer Forderung nicht, dass dieser Artikel zu den Grundrechten zählt, die in ihrem Wesensgehalt nicht angetastet werden dürfen, wie es in Artikel 19 heißt. Die öffentliche Empörung über dieses Vorhaben blieb weitgehend aus.

Den Hohepriestern des Marktes geht es darum, eine Brandmauer gegenüber der Vergesellschaftung von großen Unternehmen zu errichten. Weiter verfolgen sie das Ziel, letztlich den grundlegenden Charakter des Grundgesetzes zu ändern. Der besteht darin, dass die Verfassung einen Kompromiss zwischen Markt und Sozialstaat darstellt. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Urteilen festgehalten, dass das Grundgesetz eben nicht die Festlegung einer Wirtschaftsordnung vorsieht. Mit der Abschaffung oder Diskreditierung des Vergesellschaftungsartikels wird aber versucht, die Verfassung umzuinterpretieren: Der Marktwirtschaft soll quasi alleiniger Verfassungsrang zugeschrieben werden. Damit soll der Entfesselung des Marktes wieder mehr Raum geben werden. Weitere gesellschaftliche Bereiche sollen den Marktprinzipien unterworfen werden, in denen der Gewinnerwartung alles untergeordnet wird und die Bedarfe der Menschen nach einer guten Daseinsvorsorge nur noch zweitrangig sind. Sozialstaatliche Regeln und Rechte von Arbeitnehmer*innen sollen weiter zurückgedrängt werden.

Vor diesem Hintergrund ist die Initiative einiger Betriebsräte aus der Autoindustrie gegen den Debattenbeitrag von Kevin Kühnert ein perfektes Eigentor. Mit ihrer Initiative schützen sie nicht nur den Reichtum der Eigentümer, sondern bereiten selbst einer Entwicklung den Boden, auf dem Rechte von Arbeitnehmer*innen zurückgedrängt werden. Solche Betriebsräte nutzen den Arbeitnehmer*innen wirklich nicht. Sie könnten an die Satzung der IG-Metall vom 1. Januar 2016 erinnert werden: Das Ziel der Gewerkschaft ist die „Erringung und Sicherung des Mitbestimmungsrechts der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Betrieb und Unternehmen und im gesamtwirtschaftlichen Bereich durch Errichtung von Wirtschafts- und Sozialräten“ sowie die „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum“. Das scheint die Betriebsräte wenig zu interessieren. Ihre Intervention erinnert an einige Tiefpunkte in der Geschichte der Arbeiterbewegung, als beispielsweise in den 1970er Jahren einige von ihnen für die Atomenergie demonstrierten.

Auch die historischen Zusammenhänge über den Artikel 15 des Grundgesetzes bleiben unberücksichtigt. Nach der Befreiung vom Faschismus gab es in Deutschland ein breites Verständnis darüber, dass es einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Nazi-Barbarei gab. Max Horkheimer meinte bereits 1939, „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Selbst die CDU forderte in ihrem Ahlener Programm die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien. Darüber nachzudenken, welche Zusammenhänge es zwischen dem Erstarken von Rechtsextremismus und Kapitalismus heute gibt, wäre dringend geboten.

Vor diesem Hintergrund muss man Kevin Kühnert dankbar dafür sein, eine notwenige Debatte über die Zukunft unserer Gesellschaft angestoßen zu haben. Den Artikel 16 des Grundgesetzes als neues Gespenst an die Wand zu malen, bedeutet, Ängste zu schüren. Eine ernsthafte Debatte über die sozial-ökologische Transformation einer Gesellschaft zu führen, die immer stärker ihre Grenzen erreicht, wie beispielsweise in der Finanzmarkt-, Klima- und der Ungleichheitskrise, ist dringend geboten.

Denkverbote und die Zukunft der Menschheit

15. Mai 2019

Von Uwe-Karsten Heye

Was haben der amtierende Verkehrsminister  (CSU)  Andreas Scheuer und die Rechtsausleger  der AfD gemeinsm: sie wollen den „Diesel retten“. Die einen schreiben es auf Wahlplakate wie die AfD, der andere ruft nach Denkverboten wie Scheuer, und erklärte den Rest der politischen Welt für politisch umnachtet.  Den Vorsitzenden der Jungsozialisten Kevin Kühnert, der sich  gar die Enteignung von Großkonzernen vorstellen kann, wenn  dies die Klimakatastrophe vermeiden hilft, den hält er schlicht für  unzurechnungsfähig.

Dass sich  Scheuer diese Einschätzung auch für  jene vorbehält, die  etwa Tempolimit auf Autobahnen  und Bundesstraßen fordern, zeigt einmal mehr die politische Leichtfertigkeit, mit der große Teile der Union mit der Zukunft des von der Klimakatastrophe bedrohten Planeten glauben umgehen zu können. Auch gibt es genügend Sozialdemokraten, die sich nicht entblöden, Kühnert in eine Ecke zu stellen, wo er sich mal dafür kräftig schämen soll,  daran zu erinnern, woher die Arbeiterbewegung und mit ihr die linke Volkspartei

SPD ihre geschichtlichen Wurzeln  hat. An der Spitze steht dabei, laut wie immer der „ Narziss und Goldmund“ und selbstverliebte ehemalige Parteivorsitzende Siegmar Gabriel, dessen Umgang mit den Genossen der Partei selten von Menschenliebe erzählt.

Das hätte die FDP gewiss gern, wenn selbst in der SPD zum Beispiel der Begriff „Enteignung“ zum Tabu erklärt und als „letzte“ Möglichkeit, aber denkbare Handlungsalternative endlich aus dem politischen Arsenal des Grundgesetzes gestrichen würde. Es gibt offenbar Mitglieder in der SPD – auch im gegenwärtigen Führungspersonal, – die sich die eigene Partei eben nur als rötlich angestrichen und bürgerlich vorstellen können, und damit von der CDU kaum unterscheidbar. Das verrät wenig Hoffnung auf  Änderung.

„Enteigung“ aber findet jeden Tag statt, derzeit gibt es mehr als 60 Verfahren gegen Grundstücks- und Hauseigentümer, deren Besitz für den Bau von Autobahnen und Bundesstraßen gebraucht wird. Ebenso die ebenfalls im Grundgesetz verbriefte Forderung, das Eigentum verpflichte und sein Gebrauch dem Wohle der Allgemeinheit dienen solle. Da geht es um Grundstücke in Größenordnungen von tausenden Quadratmetern, und ebenso geht es darum, dass Enteignung  als letztes denkbares Mittel, auch angemessen entschädigt werden muss.

Wenn es also „um freie Fahrt für freie Bürger geht“, und damit die Automobilindustrie ins Spiel kommt, ist die Enteignung den sonst so strengen  kapitalistischen Enteignungsfeinden ein durchaus probates Mittel, ihr Gewinnstreben durchzusetzen. Das die Autobauer nach wie vor nur zögerlich E-Fahrzeuge bauen, und gegen die teueren, hochmotorigen und benzinschluckenden Dreckschleudern tauschen mögen, wird mit dazu beitragen, die Zukunft der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie tatsächlich zusätzlich zu gefährden.

Dieselgate und mit ihm der Betrug an ihren Kunden, denen sie mit Betrugssoftware und vielen Werbemillionen Euro angeblich saubere Motoren zum Kauf angedreht haben, werden sich rächen. Tausende Arbeitsplätze stehen also auf dem Spiel, wenn sich die Konzerne weiter der Notwendigkeit verweigern, ihre Produkte künftig Ressourcen schonend zu produzieren, um  die Erde vor dem Klimakollaps zu bewahren. Es geht also auch um ein Umdenken, das die Weltwirtschaft insgesamt betrifft und das Organisationsformen fordert wie Kevin  Kühnert sie anregt, aber sich der Kapitalismus alter Prägung verweigert.

Friday for Future, das machen die jungen Menschen  klar, zeigt wessen Zukunft auf dem Spiel steht. Wenn die Scheuers (CSU) und Lindners (FDP) glauben, sie bestimmten, wer deren Zukunft prägt, dann lasst alle Hoffnung fahren. Mit Denkverboten und der Erwartung, wie die des FDP-Vorsitzenden Lindner, dass die Welt auf den Geniestreich hoffen kann, der alles richten wird, und bis dahin die Marktwirtschaft ausreicht, die Welt und unseren Planeten zu erhalten, dem wird die Zeit davon laufen und die Zukunft der Menschheit.

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