Wann? Samstag, 13.06.2026, 14-18 Uhr und Sonntag, 14.06.2026, 11-15:30 Uhr
Wo? Kurt-Schumacher-Haus, Müllerstraße 163, 13353 Berlin
Die Analyse der Gegenwart kann sich nicht auf die politische Ebene beschränken. Sie muss die Entwicklung der ökonomischen Basis einbeziehen. Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit wurde aber vor allem von den Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt, bzw. auf die Analyse der Entwicklung des Kapitals zum „Finanzmarktkapitalismus“ und die entsprechende „Finanzialisierung“ beschränkt. Die arbeitenden Menschen wurden – fälschlich – als bloßes Anhängsel der Maschinerie bzw. Objekt sozialtechnologischer Steuerung betrachtet. (Parallel wurde das „Subjekt“ ausschließlich als „Objekt“ der Sozialwissenschaften in den Blick genommen.) Das Ergebnis war eine Wehrlosigkeit der Linken gegen den Neoliberalismus, der die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit zu nutzen wusste, ohne sie allerdings zu begreifen. (Das hat er auch nicht nötig; für die Neoliberalen ist es die Hauptsache, Prozesse nutzen zu können. Und man kann sie besser bloß nutzen, wenn man sie nicht begreift.)
Aus dieser Beschränkung ergab und ergibt sich eine historische Defensive der Linken, die kaum besser formuliert werden kann als mit dem Begriff des „Postfordismus“. Dieser Begriff bringt den Versuch zum Ausdruck, die Gegenwart, das „Post“, mit den Mitteln der Vergangenheit, denen des „Fordismus“ zu begreifen. Ein solcher Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Gleichermaßen gilt dies für den Versuch der Linken, mit solchen Überlegungen aus der Defensive zu kommen.
Deswegen gilt es, die theoretischen Voraussetzungen des Verständnisses der Gegenwart zu überprüfen. Der Neoliberalismus besteht in dem Versuch, die Produktivkraftentwicklung der gesellschaftlichen Arbeit sozialtechnisch einerseits in den Unternehmen durch indirekte Steuerung, andererseits in der Gesamtgesellschaft durch politische Steuerung (à la Popper) mittels der Sozialwissenschaften zu beherrschen. Das bestimmende Mittel dieser Steuerungsformen ist die Beherrschung und Nutzung der – von den Menschen verselbständigten – Beziehungen, um diese Herrschaft mit „Freiräumen“ der Individuen zu verknüpfen.
Dieser Versuch hat zunächst – wenn auch mit der Ausgrenzung immer größerer Teile der Bevölkerung – „funktioniert“. („Funktioniert“, weil der Versuch auf der Anwendung von Sozialtechnologien beruhte.) Er ist aber inzwischen irreversibel in die Krise geraten. Das „Funktionieren“ gerät zudem mehr und mehr in Widerspruch zu den materiellen Prozessen, aufgrund deren es gelingt. Dieser Widerspruch äußert sich sowohl in der Natur in Form der ökologischen Krise als auch in den kapitalistischen Gesellschaften, in denen es immer weniger gelingt, die auseinanderstrebenden Kräfte zusammenzuhalten. Die dominierenden Kräfte in Deutschland wie im Westen reagieren darauf mit der Verschärfung des Klassenkampfs von oben und einem aggressiven „Rechtspopulismus“. Doch die Rechtsentwicklung ist mit Verengung der sozialen Basis der die Regierung tragenden sozialen Kräfte- und Klassenkoalition verbunden. Diese Koalition umfasst Widersprüche, die notwendig zu einer revolutionären Situation führen werden. Diese Situation gilt es in einem Reformprogramm zu antizipieren.
Wir schlagen deswegen vor, diese Fragen zu diskutieren:
Welche Koalition sozialer Kräfte trägt die Rechtsentwicklung? Welche Probleme hat der sogenannte „Rechtspopulismus“? Was ergibt sich daraus für eine linke Antwort?
Dafür kann man das Beispiel der USA heranziehen. Doch ein sozialdemokratisches Reformprogramm hat einen eigenen positiven Charakter. Wie sieht er aus, und wie kann er die neuen Produktivkräfte für eine Entwicklung zum demokratischen Sozialismus nutzen?
- Das Ende des Neoliberalismus und der gesamtgesellschaftlichen „Steuerung“ à la „Sir“ Popper
- Die Koalition welcher sozialen Kräfte trägt den „sogenannten“ Rechtspopulismus: Wohin führt uns die Rechtsentwicklung?
- Welche Gegenkräfte gibt es, sind sie durchsetzungsfähig und, wenn nicht, warum nicht? (Hierin insbesondere die Probleme der Bildung der Klasse für sich.)
- Welchen positiven Inhalt hat ein Programm des demokratischen Sozialismus? Die Antizipation des Ergebnisses einer wahrscheinlichen Revolution in einem Reformprogramm.
Das Wochenende wird keine abschließenden Antworten auf diese Fragen liefern, aber es wird zur Formulierung von auch kontroversen Thesen beitragen.
Unser Referent:
Stephan Siemens ist Philosoph und beschäftigt sich seit Anfang der 90er Jahre mit den Auswirkungen der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit in den Unternehmen. Er hat an der Erarbeitung der Theorie der indirekten Steuerung mitgewirkt und sie weiterentwickelt. 2025 ist dazu auch eine Arbeitshilfe für IG Metall-Mitglieder erschienen, die von ihm verfasst wurde.
Anmeldung:
Aufgrund der begrenzten Teilnehmer:innenzahl bitten wir vorab um eine Anmeldung über unser Anmeldeformular bis zum 10. Juni 2026.